Zwiespältiger Artikel über Wilhelm Zaisser

Leserbrief zum Artikel über Wilhelm Zaisser, WAZ 10.Mai 2012

Es freute mich, dass die WAZ und das Institut für Stadtgeschichte (ISG) Wilhelm Zaisser als Lehrer, Soldat und Revolutionär vorstellt – denn das war er. Als Bergarbeiterfrau las ich mit besonderem Respekt, dass er führend in der Roten Ruhrarmee gegen den Kapp-Putsch kämpfte, die sich wesentlich aus den Bergarbeiterfamilien des Ruhrgebietes rekrutierte. Er war ein internationaler Revolutionär, der selbstlos bei den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg gegen das faschistische Franco-Regime kämpfte. Ein Mann also, auf den Gelsenkirchen stolz sein kann.

Warum nur konnte Wilhelm Zaisser nicht gewürdigt  werden, ohne eine gehörige Portion Antikommunismus unterzumischen? Als Mann mit „Doppelleben“ wird er vorgestellt.  Hätte er bei der SS anklopfen sollen, um sich höflich als Kommunist und Antifaschist vorzustellen? Wer gegen Hitler kämpfte musste illegal arbeiten – egal ob Kommunist, SPD-Mitglied, Christ oder Jude. Wilhelm Zaisser stand mit seinem ganzen Leben für den Sozialismus, unter dem er die Befreiung der Arbeiter von Ausbeutung und Unterdrückung verstand.

Er gehörte zu den Wenigen, die dieses Ziel mutig verteidigten, auch dann, als sich in der ehemals sozialistischen DDR die Führungsspitze in eine neue bürokratische Schicht umwandelte, die den Kapitalismus in einer bürokratischen Variante wiederherstellte und das Volk unterdrückte. Damit war auch die prinzipielle Veränderung des Staatsicherheitsdienstes der DDR in den „volkseigenen Betrieb Horch und Greif“ verbunden, wie die WAZ zurecht spottet. Nur ignoriert sie, dass diese verwandelte Stasi nicht mehr die Stasi Zaissers war. Wilhelm Zaisser war nicht bereit diesen Kurswechsel mitzumachen. Ihn als „Gallionsfigur des Unterdrückungsapparates der DDR“ darzustellen, verunglimpft diesen aufrechten Kämpfer. Bereits ab 1951 kritisierte Wilhelm Zaisser mit Rudolf Herrnstadt den bürokratischen Kommandostil, der sich in der SED breit machte. „Wenn Massen von Arbeitern die Partei nicht verstehen, ist die Partei schuld, nicht die Arbeiter!“, schrieb Rudolf Herrnstadt im „Neuen Deutschland“ nach dem Arbeiteraufstand am 17.Juni 1953.  Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt wurden wegen ihrer Kritik von Ulbricht kaltgestellt und aus der SED ausgeschlossen, wie noch so manch andere aufrechte Revolutionäre, die nicht bereit waren den neuen volksfeindlichen Parteikurs mitzumachen. Revolutionär zu sein und Revolutionär zu bleiben, auch wenn sich alles gegen einen zu verschwören scheint – das ist das Lebensvermächtnis von Wilhelm Zaisser und ein guter Kompass in einer Zeit, in der wohl viel Revolutionsgeist gebraucht wird.

 

Christiane Link

(Sprecherin Kreisverband MLPD Gelsenkirchen)

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