"Turbo-Abi" mit "Turbo-Stress"

Ab sofort veröffentlichen wir hier in loser Reihenfolge Beiträge aus und für den VORORT online. Heute ein Interview mit der Schülerin Simel zu ihren Erfahrungen mit der Schulzeitverkürzung.

Vor Ort: Du stehst jetzt ein Jahr vor dem Abitur. Wie ist die Situation an der Schule mit dem „Turbo-Abi“, d.h. dass die Schulzeit bis zum Abi um ein Jahr generell verkürzt wurde?

Simel: Die ersten, die das betrifft, machen jetzt Abi. Das ist doppelter Stress für Schüler und Lehrer. Der Doppeljahrgang, wo also zwei Jahrgänge gleichzeitig Abi machen, läuft gerade. Das bedeutet, dass in NRW 50 000 Schüler mehr als üblich in die Ausbildung v.a. an die Unis wollen.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das gehen soll! Mein Freund hat letztes Jahr, also zu „normalen Zeiten“ mit dem Studium angefangen, da waren die Hörsäle schon brechend voll. Unsere Schule war an der Uni Bochum zu einem Tag der Offenen Tür, da wurden wir allgemein beschwichtigt, „dass für den Ansturm vorgesorgt sei“, aber von der Einstellung von mehr Hochschullehrern, was ja am wichtigsten wäre, war gar nicht die Rede.

Vor Ort: Ja, die Uni schafft keine neuen Dozenten-Stellen, sondern verwenden das zusätzliche Geld v.a. für die Miete von Gaststätten, Kinosälen usw., in die sie die Vorlesungen übertragen.

Simel: Entsteht so ein gutes Verhältnis von Student zu Dozent?! Überall wird auch für Privatunis als „Lösung“ geworben. Aber für eine Bewerbung musst du schon 200 € zahlen, nur damit sie die lesen! Wer kann sich denn so was leisten?! Meine Mitschüler und ich jedenfalls nicht, und wir wollen das auch gar nicht!

Vor Ort: Wie ist die Stimmung in deiner Klasse?

Simel: Viele sind demoralisiert und fix und fertig. Wir haben die große „A... Karte“ gezogen. Wenn wir in einem Jahre fertig sind, wollen sicher noch viele vom diesjährigen Abi-Jahrgang, die leer ausgingen, auf die Studienplätze. Und dann noch der hohe Numerus Clausus in den meisten Fächern. Wir werden richtig in Konkurrenz untereinander getrieben. Alle machen einem Angst. Wir sind die Versuchskaninchen und müssen das ausbaden. Wir sind aber Menschen und wollen auch so respektiert werden. So kann man nicht mit uns umgehen.

Vor Ort: Warum gibt es das Turbo-Abi überhaupt?

Simel: Das wurde uns nie erzählt. Meiner Meinung nach steckt vor allem die Wirtschaft dahinter. Sie will schneller qualifiziertes jüngeres Personal haben, um im internationalen Konkurrenzkampf besser da zu stehen.

Vor Ort: Und der Bund spart so für einen ganzen Jahrgang die Lehrer ein! Wie müsste denn deiner Meinung nach Schule sein?

Simel: Ich bin für eine Grundschule von der 1. bis 8. Klasse. Erst danach sollte differenziert werden. Man kann bei 10Jährigen noch gar nicht beurteilen, zu was die fähig sind. Mich als Migrantenkind wollte man nach der 4. Klasse auf die Hauptschule schicken. Meine Mama war voll fertig, sie hatte Angst „dass aus der Tochter nichts wird.“ Ich bin dann auf die Gesamtschule, dort haben wir uns gegenseitig geholfen und gefördert. So, hoffe ich, werde ich auch das Abi schaffen.

Die Schule muss auch die kulturelle Seite fördern. Nicht als „Luxus“, der schnell zugunsten von Fächern wie Mathe oder so wieder wegfällt, sondern als vollwertiger Teil der Schulausbildung. Denn das ist für die eigene Entwicklung wichtig. Ich habe z.B. Theater gespielt. Das war für mich eine tolle Erfahrung.

Und in der Oberstufe muss es echte Wahlfächer geben. Nicht als Pseudo-Wahl wie jetzt, weil wegen Lehrermangel ganz viel dann doch ausfällt.

Und Firmen und Bundeswehr sollten nichts an den Schulen verloren haben.

Vor Ort: Die breiten Schüler-Proteste haben ja auch die Abschaffung der Studiengebühren erreicht.

Simel: Ja, das ist ein großer Erfolg. Ich war auch bei den Protesten in Essen dabei. Obwohl die Lehrer uns mit schlechten Noten drohten, sind wir hin. Durch Zufall wurde ich nicht mit eingekesselt von der Polizei, wie meine Freunde. Das hat die Polizei einfach gemacht, obwohl wir so jung waren. Die Proteste haben Erfolg gehabt, darauf können wir stolz sein. Der REBELL war auch mit dabei. Es war gut organisiert. Man kann – wenn man sich zusammenschließt – auch was erreichen und muss sich nicht alles bieten lassen.

Vor Ort: Herzlichen Dank Simel und viel Erfolg!

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